Notiz · 4 min

Vorletzte Vorstellung

— Kleinstadt, Hauptstraße —

Der rote Vorhang vor der Leinwand hat eine helle Naht, dort, wo seit Jahren jemand mit dem Fuß hängenbleibt. Die Sessel knarzen unterschiedlich, jeder in seiner Tonlage. Reihe sieben, Platz neun, ist der mit dem tiefsten Ton, fast ein Brummen. Ich sitze immer dort, seit ich die Stadt kenne.

Heute sind wir elf. Ich habe vom Eingang aus gezählt. Eine Familie vorne, drei ältere Damen, ein Paar, das nicht mehr miteinander redet, zwei einzelne Männer mit Mantel auf den Knien, und ich. Der Saal riecht wie immer nach altem Popcorn, nach Stoff, nach dem Klebstoff der Plakate im Foyer. Vorne, an der Wand neben dem Notausgang, hängt schief eine handgeschriebene Zettelreihe: Spielplan der letzten Wochen.

Was länger dauert als das Licht

Der Vorführer ist derselbe wie vor zehn Jahren, ich kenne seinen Gang vom Foyer durch die kleine Tür neben der Leinwand. Er trägt heute eine Krawatte, das ist neu. Vielleicht weil bald Schluss ist, vielleicht weil heute Sonntag ist, vielleicht weil ein Mensch sich an einem Punkt entscheidet, dass er einfach mal eine Krawatte tragen will, ohne weiteren Grund.

Das Licht geht aus, langsam, in zwei Stufen, wie es das hier immer macht. Der Projektor knattert kurz, das vertraute, beruhigende Geräusch, dann zieht der Film an. Es ist ein älterer Film, einer, der nie ein großer war, aber ein guter. Auf der Leinwand schneit es, das Bild flackert leicht am Rand. Ich denke daran, wie viele Augen in diesem Raum schon auf diese Wand gesehen haben. Wie viele Liebespaare in der hinteren Reihe. Wie viele Kinder zum ersten Mal etwas Großes, Bewegtes, das nicht in ihrem Leben war.

In der Mitte des Films weint vorne jemand leise. Nicht wegen der Handlung, glaube ich. Wegen anderer Dinge, die ein Kinosessel manchmal nach oben schwemmt. Niemand dreht sich um. Das ist die Höflichkeit dieses Saals, und ich werde sie vermissen.

Als das Licht wieder angeht, bleiben alle einen Moment länger sitzen als nötig. Auch die Familie, auch die Damen. Wir sehen die Leinwand an, die jetzt nur noch eine weiße Fläche ist, mit der Naht im Vorhang davor. Dann steht der Erste auf, und alles geht zu Ende, in der falschen Reihenfolge.

Draußen die Hauptstraße, leer, ein Mond. Ich gehe lange den falschen Weg nach Hause.