← zurück zu den Notizen 04. Februar 2026
Notiz · 5 min

Die Wohnung, in der nur noch das Licht wohnt

— Vierter Stock, Altbau —

Es riecht nach nichts. Das ist das Erste, was auffällt. Jahrelang hat es hier nach Kaffee gerochen, nach dem Holz der Bücherwand, nach dieser Seife im Bad, deren Marke ich nie behalten habe. Jetzt riecht es nach nichts, und das ist kein neutraler Zustand, sondern eine Art Aussage.

Der Flur ist länger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ohne Garderobe, ohne den schmalen Tisch mit den Schlüsseln, ohne den Spiegel, in dem man sich beim Hinausgehen kurz prüfte, dehnt er sich. Der Dielenboden hat Schatten dort, wo nichts mehr steht. Helle Rechtecke, dunklere Spuren, die Umrisse eines Lebens, geschrumpft auf Geometrie.

Was die Wände behalten

In der Küche ist die Tapete an einer Stelle abgerissen, ich erinnere mich nicht mehr, von welchem Stuhl. Über der Stelle, an der die Mikrowelle stand, hat das Weiß einen anderen Ton, ein Gelb, das nach Zeit aussieht. Im Wohnzimmer der Kreis vom Couchtisch, im Schlafzimmer zwei lange Linien, an denen das Bett stand. Selbst die Steckdosen, an denen die Lampen hingen, haben um sich herum Höfe von Staub. Wände sind ehrlicher, als man denkt.

Ich gehe von Raum zu Raum, langsam, wie in einem Museum, in dem ich der einzige Besucher bin. Vom Fenster aus sieht der Innenhof aus wie immer, die Esche, der Wäscheständer von Frau Petrov, die Katze, deren Namen ich nie gewusst habe. Drinnen hat sich alles geändert, draußen nichts. Das ist die eigentliche Verletzung.

In einer Ecke des Schlafzimmers liegt eine Heftklammer. Ich hebe sie auf, drehe sie zwischen den Fingern, weiß nicht, wohin damit. In die Tasche, am Ende. Vielleicht ist das die Art, wie man Abschied nimmt, in Heftklammern, in kleinen, sinnlosen Mitnahmen, an denen sonst nichts hängt als der Beweis, dass man hier war.

Bevor ich gehe, bleibe ich noch einen Moment im Flur stehen. Das Licht steht schräg, wie es das im Februar tut, und legt sich auf den leeren Boden, als wäre es das letzte Möbelstück, das die Wohnung noch besitzt. Ich schließe die Tür leise, obwohl niemand mehr da ist, der erschrecken könnte. Der Schlüssel dreht sich härter als sonst.

Im Treppenhaus rieche ich plötzlich wieder etwas. Den Kaffee. Drei Stockwerke tiefer, in einer fremden Küche.