Anzeigetafel, kurz vor zwei
Die Anzeigetafel klappert noch immer in dieser alten Mechanik, die seit Jahren ausgetauscht werden soll. Buchstaben fallen, ordnen sich neu, hinterlassen für einen Moment Lücken, in denen alles möglich scheint. Ein Zug nach Hannover, später, gestrichen. Ein anderer, ohne Gleisangabe. Die Hand der großen Uhr zuckt, als müsse sie sich entscheiden.
Auf der Bank gegenüber sitzt jemand, vielleicht Mitte vierzig, mit einer Tasche zwischen den Füßen, in der wahrscheinlich kein Wechsel an Wäsche liegt, sondern etwas Schwereres. Wir haben uns einmal angesehen, in der Art, wie man sich nachts ansieht: ohne Anspruch. Dann hat jeder wieder in sein Stück Halle geschaut.
Was bleibt, wenn keiner mehr kommt
Es gibt diese Stunden, in denen ein Bahnhof aufhört, ein Bahnhof zu sein. Die Reisenden sind weg, die Reinigung ist noch nicht da, der Kiosk schon lange dunkel. Was übrig bleibt, ist eine Art Halle für Übergänge, die niemand mehr nimmt. Das Licht ist zu hell für diese Leere. Die Lautsprecher räuspern sich gelegentlich, ohne etwas zu sagen.
Ich habe einmal gelesen, dass leere Räume nicht leer sind, sondern voll von dem, was sonst hier ist. Vielleicht stimmt das. Vielleicht trägt dieser Raum gerade die Stimmen all jener, die hier morgens hetzen, die hier abschiednehmen, die hier ankommen und niemanden finden. In der Nacht sind sie alle zugleich da, ein leises, vielfaches Murmeln unter dem Brummen der Belüftung.
Der Mensch auf der Bank steht auf, geht zur Tafel, kommt zurück. Setzt sich anders hin. Ich kenne ihn nicht, aber für eine Sekunde glaube ich, dass wir einander kennen, weil wir beide hier sind, um diese Zeit, mit dieser Art von Stille. Dann fährt irgendwo draußen ein Güterzug vorbei, langsam, ohne anzuhalten, und die Hallenfenster zittern eine ganze Minute lang. Als sie wieder ruhig sind, ist der andere weg. Nur die Tasche steht noch da, kurz, bevor jemand sie aufnimmt.
Ich bleibe sitzen. Mein Zug, falls er kommt, kommt frühestens in einer Stunde. Bis dahin gehört dieser Bahnhof mir und niemandem.